Rails vs. Merb vs. Fachartikelautor

Seit der Veröffentlichung von Merb 1.0 hat Rails einen echten Konkurrenten, der mit ganz ähnlichen Lösungen, aber mit viel mehr Flexibilität, Modularität und vor allem auch Performance daherkommt. Dachte man. Dachte auch ich, während ich Ende des Jahres für das iX-Magazin einen Artikel über Merb verfasste. Pünktlich zu Weihnachten transformierten dann allerdings die beiden Entwicklerteams ihre teilsrecht pubertär geführten Auseinandersetzungen in etwas sehr konstruktives: Rails 3.0 wird als Merge von Rails und Merb entwickelt werden, was bedeutet, dass Rails wesentlich flexibler und modularer – und hoffentlich auch performanter werden wird. Und dass ich meinen Artikel zu einem viel zu späten Zeitpunkt umschreiben musste.

Wenn einer einen Artikel schreibt, hieß es, dann kann er was erleben, hieß es. Ende des Jahres 2008 bat mich Henning Behme von der iX, anlässlich der Veröffentlichung von Merb 1.0 doch mal den Artikel über ebenjenes Rails-artige Framework zu schreiben, den ich ihm schon Mitte letzten Jahres angeboten hatte. Ist ja auch nachvollziehbar: Immerhin symbolisiert eine 1 vor dem Punkt doch eine gewisse Stabilität.

Nun ist es so, dass ein Papiermagazin wie die iX recht langen Vorlauf für die Veröffentlichung eines Artikels hat: Der Artikel war geplant für Februar und musste bis zum 15.12. abgeliefert werden. Das habe ich, trotz Krankheit und klassischer Vorweihnachtspanik gerade so geschafft. Alles super, kurze Zeit später kam schon die Korrekturfassung zurück. Es versprach ein ruhiges Weihnachtsfest zu werden.

Am 23.12. kündigten dann die beiden Entwicklerteams von Merb und Rails an, in Zukunft an einem (virtuellen) Strang zu ziehen. Aus Merb 2 wird also Rails 3 und umgekehrt. Auf meine etwas niedergeschlagene Email hin konnte Herr Behme immerhin noch einen heise-online-Artikel verfassen. Ein paar Tage später, im neuen Jahr, konnten wir dann recht schnell klären, dass der Artikel ja eher noch wichtiger geworden ist, was natürlich nichts daran ändert, das der Artikel sehr spät im Produktionsprozess noch angepasst werden musste.

Der Artikel ist wie geplant in der Februar-Ausgabe der iX erschienen. Ohne Autoren-Vita, leider (also: Ja, ich bin es!). Aber das nur am Rande.

Der Merger von Rails und Merb kam für viele Leute aus der Ruby- und Rails-Szene doch einigermaßen überraschend. Hatten sich nicht noch ein paar Tage vorher die beiden streitbaren Charakterköpfe DHH und wycats auf ihren Blogs ein virtuelles Pimmelgefecht geliefert, wer denn nun das bessere Framework und dass die Vorteile von Merb ja gar nicht und außerdem taugen Benchmarks ja eh nix. Und dann plinkert man einmal kurz mit den Augen und alle haben sich lieb? Wie langweilig. Zum Kotzen, diese Harmonie.

Nun, man hofft ja sogar, dass sich ebenjener Yehuda auch weiterhin an den vielgerühmten “Opinions” von Rails-Erfinder DHH reibt, und genau so lesen sich auch die Blogposts der beteiligten Helden. Denn hierin liegt nach meiner Meinung die größte Chance der “Wiedervereinigung”: Dass durch die ständige Auseinandersetzung eben kein fauler Kompromiss, sondern das beste aus beiden Welten entsteht.

Die Blickwinkel der beteiligten Parteien könnte nicht unterschiedlicher sein. Die Kernthese von DHH war stets: “Ich baue genau das in Rails ein, was ICH brauche”. Wer etwas anderes brauchen würde, solle es gefälligst selbst entwickeln. Das Merb-Team dagegen hat versucht, das Framework mit einem guten Auge für sinnvolle Abstraktionen und Sollbruchstellen (Stichwort: Modularisierung) zu entwerfen, eben nicht “am Leben gereift”, sondern, bis zu einem gewissen Grad, auf dem Papier entworfen – ohne dabei in die bekannte Framework-Falle der zehnfachen Überabstraktion zu fallen. Dennoch merkt man Merb an der einen oder anderen Stelle diesen leicht akademischen Ansatz an – manche Dinge fühlen sich noch falsch an, zu eckig und kantig (dafür aber schön flexibel).

Die ersten Experimente des Vereinigten Teams von Rails-Land machen Mut: Letztendlich sind sich trotz allem Rails und Merb nicht so fremd, als dass man sich ein Rerb/Mails 2.0/3.0 nicht durchaus schon vorstellen könnte. Man wird allerdings erst mit den nächsten Rails-Versionen feststellen, ob sich diese Idee bewährt. Und letztendlich öffnet der Merger ja auch neuen Raum für den “Rails-Konkurrent of the Week”. Ich werfe mal Ramaze in den Raum, so blöd der Name auch ist.

Dass in der Ruby- und Rails-Welt trotzdem jetzt nicht der ewige Sonnenschein ausgebrochen ist, und dass die Community weiterhin ihre Zed-Shaw-Situationen haben wird, bei denen man als Unbeteiligter wirklich nur noch kopfschüttelnd danebensteht, das ist ein Thema für einen weiteren Artikel, der noch geschrieben werden will.

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