Das wird 2009, Teil II

Seit geraumer Zeit wird mit schöner Regelmäßigkeit verkündet, dass Klein das neue Groß und weniger mehr sei: Vom Lean Management bis zur schönen neuen Welt des Web 2.0 wird jedes Jahr aufs neue das Ende der traditionellen Strukturen ausgerufen und ein neuer Nachfolger aufs Schild gehoben. Geändert hat sich dadurch bisher: nichts. Warum? Und warum könnte sich das 2009 ändern?

Revolutionäres Wirtschaften

Dass das Kleine, Schlanke gerade in Zeiten des Umbruchs attraktiv scheint, hat einleuchtende Gründe: Innovation entsteht an den Rändern und in den Nischen des Marktes, wird von Einzelkämpfern und Besessenen entwickelt und forciert. Die Großen erfinden bei aller Neuerungsfrequenz selten das Revolutionäre – das tun die Edisons und Bells, Nelsons und Berners-Lees, Venters und Eberhards dieser Welt. Kein Wunder, dass dann jeder klein sein will.

Hinzu kommt, dass „groß“ in einer Rezession heißt „mit Ballast beladen“. Wo im Wachstum Economies of Scale Wettbewerbsvorteile verschaffen, hat nun der den Vorteil, der schneller reagieren und Kapazitäten anpassen kann.

Normales Wirtschaften

Zwischen den Revolutionen und Rezessionen aber wird noch immer gewirtschaftet wie eh und je, ist der Konzern das Paradigma des Unternehmens. Die Beharrungskräfte der konventionellen Strukturen machen es den Kleinen schwer, in dieser Phase neue Claims zu erobern – im Mainstream zählt das Festhalten an Scheinsicherheiten, alten Entscheidungsmustern und bewährten Seilschaften. Und noch immer wurden die erfolgreichen Kleinen dann entweder geschluckt – oder aber selber groß

Die Großen nämlich, die den Rezessionswinter überstehen oder der Revolution zum Trotz ihre Marktposition behaupten können, verfügen ihrer schieren Größe wegen über genügend Mittel, um sich den Fortschritt im Handumdrehen einzukaufen. Und dass eigenes Größenwachstum attraktiv ist, scheint selbstverständlich. Zum einen natürlich wegen der Effizienzgewinne durch economies of scale; ist eine Innovation erst einmal produktionsreif, liegt schließlich nichts näher, als ihre Herstellung immer effizienter zu machen. Zum anderen treibt eine scheinbar naturgegebene Logik dazu, größer zu werden: Größer heißt mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Marktmacht, mehr Ansehen, kurz: mehr Erfolg.

Time for a change?

Warum also sollte es 2009 anders sein? Warum sollten die Verhältnisse diesmal zum Tanzen gebracht werden zwischen Groß und Klein?

  1. Weil die Großen diesmal noch mehr Probleme haben als in vergangenen Rezessionen: Zu Ballast und Schwerfälligkeit kommt die inzwischen notorische Kreditklemme. Und die trifft Großunternehmen härter als mittlere und kleine – die nämlich werden oft von Sparkassen und Genossenschaftsbanken betreut, deren konservatives und endkundenorientiertes Wirtschaften der letzten Jahre sich nun in besserer Kapitalausstattung und Liquidität auszahlt. Der private Bankensektor hingegen reicht seine aktuelle Finanzierungsnot direkt an seine Kreditnehmer durch – die Großen.
  2. Weil das Web 2.0 doch zu etwas gut war: Es hat als ubiquitäre Plattform neue Formen der Kollaboration gefördert und zum Teil erst ermöglicht, hat räumliche Trennung und organisatorische Unabhängigkeit als Hemmschuhe globaler Arbeitsteilung weitgehend irrelevant gemacht. Wichtiger noch ist aber die Kultur des Peer-to-Peer, die das Nachdenken über Produktion und Dienstleistung komplett umkrempelt. Freelancer-Netzwerke leisten heute mühelos das (und mehr), was noch in der Dotcom-Blase die Angelegenheit Agenturen alter Schule war, und selbst die Güterproduktion kann auf organisatorische Großstrukturen verzichten.
  3. Weil größer nicht mehr automatisch besser heißt: Die Kultur des „Mehr“, das hervorstechendste Merkmal des Börsenkapitalismus, scheint einen schnellen Tod gestorben zu sein. Nachhaltigkeit hat sich vom Gutmenschenbegriff zur Leitlinie amerikanischer Politik gemausert, aus einer Debatte über Neid ist eine über Gier geworden, Ex-Börsenmakler sind Zielscheibe für Hohn und Spott. Daher: Warum nicht klein, aber fein bleiben? Der Beste sein statt der Größte? Erfolg über Impact definieren, statt über Gewinn?

Wird es also diesmal anders laufen? Die Rezession soll wahlweise Ende dieses Jahres, Ende des nächsten oder Ende 2012 vorbei sein. Dann wissen wir mehr.

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Wolfgang Wopperer

15. Februar 2009
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