Das ZEIT Magazin und die Zukunft des Internets

Es ist ja durchaus plausibel, sich momentan mit einer gewissen Intensität Gedanken über die gesellschaftlichen Veränderungen zu machen, die durch neue Kommunikationsprozesse zu erwarten sind. Und ich finde es schön, wenn sich - wie in der letzten Woche geschehen - das ZEIT Magazin eine ganze Ausgabe nimmt, um den unterschiedlichen Ausprägungen dieser Phänomene nachzugehen. Dass in diesem Rahmen eine Menge Steilvorlagen mitgeliefert werden, um Netzhäme auf sich zu ziehen, von der Verwechslung von Rechenleistung mit Speicherplatz bis hin zur nicht autorisierten Umbenennung von Open Street Map: geschenkt. Das wesentlich interessantere Phänomen zeigt sich in den dort untersuchten Teilaspekten von Online-Kommunikation:

Matthias Stolz schreibt über Liebe in den Zeiten der Onlinekommunikation , als gäbe es Instant Messaging erst seit einigen Monaten. Auch wenn es in seiner Funktionsbeschreibung nicht falsch ist: Der Begriff des Bildtelefons spricht Bände über den Technikbezug des Autors. Hier emuliert das Internet noch das wahre Leben.

Matthias Kalle hingegen nimmt sich der sich auflösenden Strukturmuster von Arbeitszeiten an. Sein Text enthält viele kluge Sätze und Gedanken, Kalle selbst gibt an, regelmäßig von zu Hause aus zu arbeiten, wenn die Aufgabe mehr Ruhe erfordert. Hier bei mindmatters arbeitet heute nur ein Kollege im Home Office. Aber das ist für unsere Verhältnisse eher wenig. Das ZEIT Magazin ist auch hier eher Zustandsbeschreibung als Zukunftsvision.

Der eingeschlagene Weg wird bis zum Heftende konsequent weitergegangen: Ja, das Internet ist auch etwas für kleine und mittlere Unternehmen, die im Long Tail ihre Waren an den Kunden bringen. Richtig, Modeblogs bilden oftmals realistischer und näher neue Ideen ab als Printmedien. Und Social Networks bieten überraschenderweise auch im Jahre 2009 noch das Potential, für Schabernack missbraucht oder gedankenlos mit grenzwertigem Content gefüllt zu werden.

Die Diskussionen, die hier im Büro und mit unseren Partnern und Kollegen geführt werden, tauchen im ZEIT Magazin leider nicht auf. Das mobile Internet als Layer über der Realität, die quantitative und qualitative Analyse von Aktivitäten in den Social Media, Microblogs , Kommunikationsmuster, die Plattformen und Websites transzendieren und vieles weitere sucht man vergebens.

Die Konsequenz? Es wäre zu einfach, das ZEIT Magazin als rückständig zu bezeichnen. Die ZEIT bildet meiner Einschätzung nach sehr präzise die Internetnutzung der meisten User ab: Ein bisschen chatten, ein bisschen shoppen, ein bisschen Blogs lesen, ein bisschen Partybilder bei Facebook hochladen. Die Fragestellung, wie man diese Mainstreamnutzer zu den aufregenden oder schlicht nützlichen Angeboten mitnehmen kann, die darüber hinaus existieren: Das ist wirklich spannend. Und für diesen Erkenntnisgewinn kann man dem ZEIT Magazin nur dankbar sein. Wie würdet ihr eurer Oma Twitpic erklären? Oder dem Nachbarn einen RSS Reader?

 

1 Antwort auf „Das ZEIT Magazin und die Zukunft des Internets“
  1. anne sagt am 07. Juni 2009 um 12:56 PM:
    (muss das magazin heut erst noch lesen.. :) vorab: das kommt ganz auf die oma/den nachbarn an - wenn bedarf besteht, sind die leute ja willens und damit in der lage, sich mitnehmen zu lassen. aber wer im mainstream braucht microblogs z.zt. wirklich, ausser den üblichen verdächtigen (branchen)? selbst bislang eifrige web-/mac-blogger fangen an zu schwächeln, wenn es vom nest- zum hausbau übergeht und andere 1.life-prioritäten entstehen. und auch wenig ältere printkollegen, die mit grossen kunden arbeiten, können im bezug auf twitter nur mit den schultern zucken ('brauch ich nicht, hab doch mail/ftp'). wenn man dann vor ort schnell mal eine lösung für ein seltsames photoshop-problem aus dem netz fischt, ist zwar erstmal ruhe, aber die eigene motivation entsteht so trotzdem nicht (trotz iphone, in ermangelung eines entsprechend gerüsteten gegenübers..).
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