The Next Big Thing?

Die Antwort (und ja, eigentlich wussten wir das schon): Das Internet. Diesmal aber: Kein buzz word, keine Insider-Einsicht vorgeblicher Vordenker. Sondern: Realität.

Zur letztjährigen reboot hatte ich einen (ungehaltenen) Vortrag zu der Frage vorbereitet, was denn das Nächste Große Ding im Internet sei. Meine Antwort: All the tools are there – ein Nächstes Großes Ding im herkömmlichen Sinn wird es nicht geben. Die wahre Revolution wird aus der Nutzung und Verknüpfung der Technologien entstehen – Innovation (technologisch verstanden) wird unsichtbar.

Womit ich nicht gerechnet hätte: Dass das noch viel radikaler wahr wird – und noch viel schneller – als vermutet. Und es sind weder iPhone noch Google, die das bewirken – es sind die Menschen und ihr Umgang mit dem Vorhandenen, die das schaffen. Das Internet des Jahres 2009 ist: breitenwirksam, politisch relevant, revolutionär, kontrovers, bedrohlich, befreiend, unverzichtbar – und nicht mehr nur für die Geeks. Für uns alle.

  • Twitter ist die wichtigste Nachrichtenquelle aus dem Iran – und, noch viel bedeutender, unverzichtbare Infrastruktur für die Koordination der iranischen Proteste. Von CNN bis ZDF ist der Journalismus auf Twitter (und auf YouTube & Co.) angewiesen, um überhaupt Bericht erstatten zu können – und gleichzeitig nimmt damit das erste Mal die Idee des grass roots journalism eine erkennbare und funktionierende Form an. Damit schafft das Internet (nach innen wie nach außen) vielleicht doch, was ihm immer abgesprochen wurde: eine neue, unfragmentierte politische Öffentlichkeit.
  • Die Popkomm wird abgesagt wegen Internetpiraterie (sic!), der Heidelberger Appell wird noch getoppt von der Hamburger Erklärung: Die Inhalteindustrie hat die Revolution (endlich) erkannt, versucht sich zu wehren – und versagt. Lawrence Lessig ist ein Urheberrechtsgegner, erst recht wir, die Lösung ist (natürlich) Status Quo + Repression. Dass sich die Diskussion über die Zukunft der Nachrichten derweil anderswo abspielt, dass Musik von anderen und anders gewinnbringend vertrieben wird – das wissen sie, und sie werden untergehen, wenn sie es nicht akzeptieren.
  • Die Angst vor dem Neuen, dem Unkontrollierbaren geht so weit, dass das Internet – während es anderswo demokratische Proteste erst möglich macht – hierzulande zum Schweigen gebracht werden soll. Unter fadenscheinigen Vorwänden wird eine Zensurinfrastruktur errichtet, die dem wichtigen und ehrenwerten Ansinnen, Kinder zu schützen, nicht nur nicht nützt, sondern ihre Proponenten unglaubwürdig macht, weil sie massiv Bürgerrechte einschränkt. Rechte im Internet schützen hieße aber zuallererst: Bürgerrechte schützen. Und so wird hier ein neuer gesellschaftlicher Konflikt sichtbar, der neue politische Kräfte hervorbringt, wie die Bundesrepublik es zuletzt Ende der 1970er Jahre erlebt hat.
  • Gleichzeitig sehe ich im Web eine Explosion von Inhalten – geschaffen gerade von Leuten, die vorher jahrelang damit beschäftigt waren, die Infrastruktur für Inhalte zu bauen. Und damit leistet das Internet auch hier das, wofür Medien eben da sind: Spannendes verbreiten, Diskussionen anregen, Neues hervorbringen.

18 Jahre nachdem das WWW das Licht der Welt erblickt hat, wird es erwachsen. Seine Infrastruktur und seine Möglichkeiten beginnen auch außerhalb der in crowd die Welt zu verändern – und nicht immer mag die Welt das. Aber wie alle Eltern wird sie lernen müssen, damit umzugehen. Schließlich gibt es genug, was besser werden kann.

Wir leben in spannenden Zeiten. The Next Big Thing? Happening, right now.

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