XHTML ist tot, es lebe HTML?

Am 2. Juli verkündete das W3C die Einstellung der Arbeit an XHTML2, um sich fortan auf die Entwicklung von HTML5 zu konzentrieren. Trennt sich das W3C nun vom ungeliebten HTML-Zwilling?

Bei Licht betrachtet spiegelt die Entscheidung gegen XHTML2 und für HTML5 nur den Status Quo heutiger Browser wider. Keiner der führenden Browser unterstützt bisher XHTML2, obwohl der erste Entwurf bereits vor 7 Jahren veröffentlicht wurde. Stattdessen wurden von den Herstellern nach und nach unter dem Dach der WHATWG neue HTML-Features in ihre Browser eingebaut. Mit der Gründung der HTML5-Arbeitsgruppe im Jahr 2007 reagierte das W3C schließlich auf diese Entwicklung und nahm die HTML-Weiterentwicklung wieder unter die eigenen Fittiche.

Eine prägnante Zusammenfassung der Unterschiede zwischen XHTML2 und HTML5, inklusive der Gründe, die nun zur Einstellung der XHTML2-Arbeitsgruppe führten, liefert nun Michael Smith vom W3C auf slideshare.

Eng im Zusammenhang mit der Frage nach HTML oder XHTML steht dabei die Diskussion, welche Art von Fehlerbehandlung HTML vornehmen sollte. Auf der einen Seite finden sich diejenigen, die Fehler im Markup gemeldet bekommen wollen und daher XML mit seiner strikteren Syntax vorziehen. Wenn alle Browser jede falsche HTML-Seite auch als fehlerhaft zurückweisen würden, hätten wir nur noch syntaktisch korrekte Seiten im Web und somit keine Probleme mehr mit kaputten Seiten, die in jedem Browser anders aussehen, so die Hoffnung.

Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die die Hürde zum Erstellen von Webseiten so niedrig wie möglich legen wollen. Jeder soll eine HTML-Seite schreiben können, ohne dazu Programmierfähigkeiten mitbringen zu müssen. Außerdem wollen die Nutzer auf fremden Seiten den Inhalt und keine Fehlermeldungnn sehen.

Die Position des W3C in dieser Frage hat sich im Laufe der Zeit zur zweiten Meinung gewandelt. Zwar sieht HTML5 in guter HTML4-Tradition eine automatische Fehlerkorrektur vor, definiert aber ebenso XHTML als XML-Repräsentation. XHTML an sich ist also keineswegs tot – nur XHTML2 hat sich nun als Sackgasse erwiesen.

Sehr amüsant war im Übrigen die Aufregung in den Blogs und Foren über ein Interview mit Ian Hickson (Editor der HTML5-Spezifikation) vom August 2008, in dem dieser 2022 als Jahr für die fertige Spezifikation angibt (zum Vergleich: die offizielle Agenda der W3C-Arbeitsgruppe spricht nach wie vor von 2010). Wer in etwa weiß, wie schnell oder langsam Spezifikationen beim W3C vorankommen, der weiß auch, dass die Wahrheit vermutlich irgendwo dazwischen liegt. In 13 Jahren werden wir schlauer sein.

Foto von cybershotking via flickr

2 Antworten auf „XHTML ist tot, es lebe HTML?“
  1. Wolfgang sagt am 26. Juli 2009 um 11:32 PM:
    Vielen Dank für die kenntnisreiche Zusammenfassung! Aber ist der entscheidende Kontext der Entscheidung nicht der folgende: Ein Gremium befasst sich über lange Jahre damit, wie die Zukunft des Web (in technologischer Hinsicht) aussehen könnte - und während das Gremium diskutiert und abstimmt und zu abstrahieren versucht, entwickelt sich das Web ganz von selbst weiter. Neue Technologien halten Einzug (Video, Audio, you name it), und das kollektive Verständnis dafür, was gutes HTML (sprich: sinnvolle Syntax) ausmacht, wächst daran, was sich im täglichen Einsatz bewährt. Und am Ende haben wir einen Haufen von Einsichten, die alle vollkommen valide sind - aber die im Rahmen eines Gremien-gesteuerten Prozesses Jahre warten müssten, um Eingang in einen "Standard" zu finden. "We reject: kings, presidents, and voting. We believe in: rough consensus and running code." Sagt Dave Clark vom IETF. Innovation stammt nicht aus Gremien, sondern - wenn man so will - von der Front. Es geht nicht darum, Schlamperei zu sanktionieren oder den Interessen von Browser-Herstellern gerecht zu werden. Es geht darum, ohne Überabstraktion sinnvolle Patterns als Empfehlung festzuschreiben, die die Möglichkeiten des Web optimal nutzen. XML mag einen weitreichenden Rahmen dafür bereitstellen, wie man Markup-Sprachen konsistent definieren kann. Aber der Punkt am Web ist doch gerade, dass seine Entwicklung nicht von der Konsistenz seiner Basis-Technologien abhängig ist, sonder von seiner inhärenten Dynamik. Jeder Prozess, der das ignoriert, ist zum Scheitern verurteilt.
  2. Wolfgang sagt am 29. Juli 2009 um 08:08 PM:
    Und zum Thema noch ein wirklich hübscher (und erhellender) Comic: http://www.smashingmagazine.com/2009/07/29/misunderstanding-markup-xhtml-2-comic-strip/

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Oliver Becker

24. Juli 2009
2 Kommentare

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